Zu den Vorbereitungen auf das Ereignis gibt es einen schönen Hörfunkbeitrag von Susanne Keck, den die NDR1 Welle Nord in ihrem "Kulturmagazin" am 7.10.2004 gesendet hat. Hier der Radiomitschnitt!
Wer ins Kino oder Theater geht, muss dort schon die Augen offen halten, um dem Geschehen folgen zu können. Und nicht nur die Handlung teilt sich mit auf Leinwand, Bühne oder Bildschirm. Menschen agieren mimisch und gestisch, bewegen sich in bestimmtem Ambiente.
Was also haben Blinde hier verloren? Sollen sie sich frustrieren lassen? Wenn ein ganzer Saal sich vor lachen biegt wegen einer irren Slapstick-Einlage oder einer pantomimischen Pointe, dann fühlt sich einer, der das nicht realisiert, verdammt ausgeschlossen und ungeheuer allein.
Wenn jemand dem Geschehen folgt, ohne es sehen zu können, vermitteln die Ohren bei entsprechendem Kombinationsvermögen auch schon vieles. Es gibt ja auch das gesprochene Wort und die Geräusche. Auch das Ohr erlebt das Geschehen. Dennoch bleibt ihm etliches verborgen und das kann entscheidend sein für das Verständnis des ganzen Stücks.
Oft kann man sagen: Je besser ein Stück darstellende Kunst ist, desto weniger kann ein Blinder damit anfangen. Wenn ein Film oder ein Schauspiel auch schon als "Hörspiel" funktioniert, kann es in seinem jeweiligen Genre kaum als geglückt gelten. Je höher aber der visuelle Anteil einer Inszenierung ist, um so lückenhafter wird das Verständnis, das ein blinder Besucher gewinnen kann.
Wenn es ihm einmal passiert ist, dass der ganze Saal intensiv reagiert, er selber aber keinen Schimmer hat, was da abgeht, wird er sich das kaum je wieder antun.
Zwar kann eine sehende Begleitperson hier in engen Grenzen helfen, aber zum einen stören die Erklärungen, die man dem blinden Nachbarn zuraunt, die anderen Leute, und zum anderen ist es für jemanden, der auch zum ersten Mal in der Vorstellung ist, reichlich schwer, gleichzeitig der Handlung zu folgen und sie zu beschreiben.
Hier hakt die Audiodeskription ein.
Audiodeskription ist die Übersetzung optischer Wahrnehmungen in gesprochenen Text. Vor allem bei Kino- und Fernsehfilmen wird dieses Verfahren angewandt. Im Theater ist das dagegen sehr selten der Fall. Zwei Vorgängerprojekte sind uns bekannt. Am 6.6.1999 kam in der Berliner Schaubühne "Onkel Wanja" (Regie Andrea Breth) mit live eingesprochenen, über Infrarotkopfhörer empfangbaren Zusatzerläuterungen für Blinde zur Aufführung. Am 11., 13. und 14. Juni 2004 kam im Berliner Maxim-Gorki-Theater das Stück "mach die augen zu und fliege oder krieg böse 5" des Regisseurs Armin Petras mit Audiodeskription auf die Bühne (externer Link: mehr dazu!).
Damit das Verstehen der Handlung unterstützt und nicht behindert wird, nutzt man für die Beschreibertexte vor allem die Dialogpausen. Je größer die sind, desto mehr Information kann vermittelt werden. Die Kunst des Beschreiberteams besteht also darin, aus der Fülle der visuellen Informationen eine sinnvolle Auswahl zu treffen, diese sprachlich genau zu fixieren und diesen Text zu guter letzt in die Dialogpausen einzupassen.
Die Audiodeskription wird von einem Beschreiberteam erarbeitet, welches in der Regel aus zwei sehenden und einem blinden Mitglied besteht. Der Film wird zunächst analysiert, um herauszufinden, welche rein optischen Informationen für das Verständnis von Handlung und Botschaft des Kunstwerkes für dessen Verständnis besonders wichtig sind. Die Dialogpausen sind mehr oder minder begrenzt. Es muss also sorgfältig abgewogen, ausgewählt und formuliert werden. Das Team erarbeitet schrittweise seinen in den Film eingepassten Text. Dieser wird dann nach Möglichkeit als extra Tonspur bereit gestellt, die dann zu- oder abgeschaltet werden kann.
Auch für die Erarbeitung einer Audiodeskription fürs Theater wird möglichst auf ein Video zurückgegriffen. In der Vorstellung muss dann jedoch live beschrieben werden. Der Sprecher kennt zwar im wesentlichen den Ablauf, muss ihn aber geistesgegenwärtig situationsbezogen umsetzen, denn jede Vorstellung ist ja in Details anders und keine bloße Reproduktion der vorangegangenen.
Wenn dann der Vorhang sich hebt und die erarbeitete Beschreibung durch die Inszenierung führt, muss der Sprecher (hier die Sprecherin) sowohl sein/ihr Manuskript als auch die Bühne im Blick behalten. Der Sprecherplatz befindet sich an einem Ort, wo der Begleittext gesprochen werden kann, ohne reguläre Besucher der Aufführung damit zu stören. Von diesem Sprecherplatz aus wird dieser Kommentar drahtlos auf die Kopfhörer der blinden Besucher im Zuschauerraum übertragen.
Hier noch der Link auf einen älteren Text von Jürgen Trinkus zum Thema Audiodeskription!
Als Jürgen Trinkus, der Medienreferent des BSVSH, bei Hela Michalski, der Hörfilmbeauftragten des gleichen Vereins anfragte, ob wir nicht den bei der "Woche des Sehens 2003" so erfolgreichen Husumer Hörfilmtag wiederholen sollten, offenbarte sie ihm ihren lang gehegten Wunsch, in diesem Jahr gern etwas mit einem Theater machen zu wollen. Jürgen Trinkus schlug ihr daraufhin vor, den Direktor des Kieler Schauspielhauses anzusprechen. Für das Kieler Kulturprojekt blickfrei wäre eine solche Zusammenarbeit gleichfalls ein passendes Engagement. Und so wurde Daniel Karasek angeschrieben, und er lud tatsächlich zu einem Gespräch ein, das dann im Februar 2004 stattfand und die Weichen stellte. Daniel Karasek schlug vor, für die spezielle Bearbeitung "Das Käthchen von Heilbronn" in seiner Inszenierung zu nehmen. Disponentin Jutta Hagemann sollte seitens des Schauspielhauses das wseitere Vorgehen koordinieren. Dramaturg Ole Hruschka übernahm die Zusammenarbeit mit dem Beschreiberteam und Jan Werber als Meister der Tontechnik übernahm gern die Mitwirkung in den Belangen der technischen Umsetzung.
Das Projekt blickfrei kümmerte sich um die Finanzierung und die Hörfilmbeauftragte nahm die Werbung und Betreuung der blinden Interessenten auf sich.
Die Nachfrage nach Karten bestätigte uns schließlich, dass hier ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein fällt. Es haben sich ca. 160 Interessenten für die Audiodeskriptionsvorstellung angemeldet. Damit werden die Blinden mit ihren Begleitern ca. ein Viertel der Besucher der Vorstellung am 9. Oktober stellen.
In der Vorankündigung im "Kieler Express" Nr. 40/2004 wird die Handlung folgendermaßen zusammengefasst:
Es ist immer wieder der gleiche Cocktail menschlicher Schwächen, der den Gang der Ereignisse bestimmt. Regisseur Daniel Karasek hat Liebe, Bosheit und Intrigen neu verpackt für die vertrackte Liebesgeschichte zwischen Käthchen und Graf Wetter vom Strahl. Ohnmächtig lässt er das Käthchen niedersinken, als sie den Grafen zum ersten Mal erblickt. Danach beschließt sie, ihn trotz ihrer Verlobung auf seinen Reisen zu (ver-)folgen. Käthchens Vater bezichtigt den Grafen schließlich der Hexerei und Käthchen soll ins Kloster gehen. Währenddessen verstrickt sich der Herr Graf in viele Gefechte. Die intrigante Kunigunde von Thur-neck kommt auf den Plan und weiß den Grafen für sich einzunehmen. Bis er darauf stößt, dass sie ein finsteres Geheimnis umgibt..." (sbt)
Und noch ein © Text aus www.theater-kiel.de
„Kein Mensch vermag das Geheimnis, das in ihr waltet, ihr zu entlocken.“
Warum fällt das Käthchen, die Tochter eines Waffenschmieds aus Heilbronn, in Ohnmacht, als sie dem Grafen Wetter vom Strahl begegnet? Wie kann sie ihm vom ersten Augenblick an so bedingungslos verfallen, dass sie ihm auf Schritt und Tritt folgt? Hat der Graf sie verführt, verhext gar – oder wie ist dieser sonderbare Wahn sonst zu erklären?
Der Graf muss sich vor einem heimlichen Gericht verantworten. Als dabei das Käthchen verhört wird, tritt ihre Unschuld ebenso wie ihr rätselhaftes Wesen nur umso offener zutage. Darauf beginnt auch der Graf das Käthchen zu lieben, mag sich aufgrund des Standesunterschieds jedoch nicht öffentlich dazu bekennen. Vielmehr sieht er sich, mitten in diesen Zwiespalt verwickelt, mit einer Kriegserklärung konfrontiert: Die intrigante Kunigunde von Thurneck hat ihm wegen eines umstrittenen Landstrichs Soldaten auf den Hals gehetzt. Der Zufall will es jedoch, dass kurz darauf ausgerechnet Wetter vom Strahl seine vermeintliche Widersacherin Kunigunde aus den Fesseln von Entführern befreit. Alles scheint sich zu wandeln: In der Adligen glaubt der Graf nun seine wahre Liebe, die ihm verheißene Kaiserstochter gefunden zu haben – bis er sich allmählich seiner eigentlichen Bestimmung bewusst wird.
Die Welt, die Sprache, das Ich – alles ist in Kleists Stück gewaltigen Spannungen ausgesetzt oder bereits „völlig aus den Fugen“. Der Gang der Ereignisse ist wie im Traum verrätselt, seltsam unwirklich, die Figuren scheinen wie von triebhaft-abgründigen Kräften durchwirkt. Letztendlich ist weder der naiven Unschuld Käthchens noch dem absichtsvollen Kalkül der Kunigunde recht zu trauen in dieser „wunderlichsten Geschichte von der Welt“.
REGIE: Daniel Karasek | BÜHNE: Sonja Kloevekorn | KOSTÜME: Ariani Seno
MIT: Jennifer Böhm als Käthchen, David Allers als Friedrich Wetter vom Strahl, Ninja Kim Böhlke, Siegfried Jacobs, Rainer Jordan, Ksch. Siegfried Kristen, Claudia Macht, Olaf Napp, Sascha Nathan, Olaf Salmon, Almuth Schmidt, Matthias Unruh, Vera Weisbrod
Für die blinden Besucher und ihre Begleiter steht das Kieler Schauspielhaus am 9. Oktober 2004 ab 17:00 Uhr offen. Angeboten werden sachkundige Sonderführungen, die es gestatten, sich blind in den Bühnenraum und seine Gestaltung einzufühlen und eine Vorstellung von der Kostümierung der Schauspieler zu bekommen.
Die Teilnehmer nehmen die guidePORT-Empfänger entgegen, welche ihnen an diesem Abend die akustischen Zusatzinformationen "einflüstern". Wenn sie sich mit diesem Empfänger im Hause bewegen, werden sie eine ganze Reihe hilfreicher Informationen zur Orientierung empfangen. Das guidePORT-System wurde von der Firma Sennheiser ursprünglich für den Museumsbereich entwickelt. Wenn der Besucher sich dem Identifier eines bestimmten Objektes nähert, bekommt er genau die Informationen zu hören, die zu diesem Objekt gehören. Dass dieses System speziell für Blinde großartige Orientierungsmöglichkeiten bietet, wird an diesem Abend einmal mehr sinnfällig gemacht. Übrigens wird auch für sehende Besucher die Möglichkeit bestehen, sich mit der Audiodeskription zu befassen.
Im Foyer wird es zwei Informationsstände geben. Einer ist dem Thema der diesjährigen Woche des Sehens gewidmet. "Blindsein - wie ist das?" Besucher können sich informieren über das weltweite Engagement zur Verhütung von Blindheit und über Projekte in Deutschland, die Blindenschrift weiter zu vermitteln. Angeboten wird ein Gewinnspiel und die Möglichkeit zu spenden.
An dem zweiten Stand stellt der Hörfilm e.V. sich und seine Arbeit als Berufsvereinigung der Filmbeschreiber vor. Das übernimmt gleich das Beschreiberteam des Abends, denn dessen Mitglied Hela Michalski ist nicht zuletzt die stellvertretende Vorsitzende des Vereins.
Wenn sich dann der Vorhang hebt, wird im ganzen Zuschauersaal die Audiodeskription zu empfangen sein, welche den blinden Besuchern gestattet, auch dann den Anschluss zu behalten, wenn das Geschehen einmal von geräuschlosen Momenten bestimmt wird. So macht es auch ihnen wieder Freude ins Theater zu gehen. Und Theater ist gesund. Eine Stockholmer Studie kommt zu dem Schluss: "Wer etwa ins Theater geht (sich also mental und sozial) engagiert, entwickelt weitaus seltener eine Demenz als Menschen, die ständig vor dem Fernseher sitzen." So jedenfalls steht es in der "Zeit" (© "Die Zeit", Rubrik: "erforscht und erfunden", 31 vom 22.7.04).
Gastgeber des Abends ist Das Kieler Schauspielhaus in der Holtenauer Straße Ecke Knooper Weg und Schauspieldirektor Daniel Karasek persönlich.
Die Initiative zu diesem besonderen Theaterabend ging aus vom Kulturprojekt blickfrei und dem Hörfilm e.V., Vereinigung Deutscher Hörfilmbeschreiber. Das vom Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein e.V. (BSVSH) getragene Kulturprojekt blickfrei hat die Umsetzung der Idee moderiert und koordiniert. Der Hörfilm e.V. hat die Erstellung und Umsetzung der Audiodeskription übernommen und die Organisation der Werbung und Kartenreservierung für die blinden Besucher.
Das Audiodeskriptionsteam sind Haide Völz, Hela Michalski und Olaf Koop.
Die technische Umsetzung verdanken wir der Zusammenarbeit mit der Firma Sennheiser (externer Link!) und der von Sennheiser autorisierten Firma GPT audio GmbH (externer Link).
Bei der Finanzierung half uns Der Paritätische Schleswig-Holstein (externer Link). Das Vorhaben wurde maßgeblich unterstützt von der Rotarier-Hilfe und den Kieler Rotariern.
Mit diesem großartigen Abend wird für Schleswig-Holstein die Woche des Sehens 2004 (externer link) für Schleswig-Holstein eröffnet. Dazu laden herzlich ein: