Der Eintritt kostet 4,00 Euro + 10% Vorverkaufsgebühr
am Infotresen Stadtgalerie (Tel. 901-3400)
und Tourist Information (Tel. 67910-0)
An der Abendkasse 5,00 Euro.
Was beim Seitenaufruf zu hören ist!
Zu hören sind 9 Sekunden aus dem Entre des Hörspiels: der charakteristische Soud mit Ansage von Titel, Autor und Sounddesigner: "Abfall - Hörspiel von Heiko Buhr. Sounddesign und Musik: Timm Frühwirth."
"Und mich, mich findet man in einem Müllcontainer liegend. In Plastik vollkommen eingewickelt von oben bis unten, den Mund verklebt, erstickt. Was sagst du ihnen, Max, ihnen, die da denken, daß es ein Mord ist?"
Was sich im Februar 2001 in einem Hamburger Pflegeheim zwischen dem 27-jährigen Schwerstbehinderten Nils S. und dem damals 20-jährigen Zivi Jörg R. abspielte, führte dazu, dass der eine an einem kalten Freitag Morgen tot im Müllcontainer gefunden und der andere bei Dienstantritt von der Kriminalpolizei erwartet wurde. Zwei Strafkammern verhandelten den Fall in den Folgejahren. Er ging durch die Medien und wurde heftig diskutiert. Aber wird er je bewältigt, erledigt sein?
Nils Stötzer litt an Muskelschwund in fortgeschrittenem Stadium. Weitgehend bewegungsunfähig konnte er nur noch mit Atmungsgerät und Rundumbetreuung leben. Mit überscharfem Verstand erfuhr er seinen fortschreitenden Verfall.
Seit acht Wochen hatte Nils einen Zivi, mit dem er besonders gut klar kam. Schritt für Schritt hatte er ihn überredet, ihn in Plastiksäcke zu verpacken und auch den Mund zu verkleben und in den Müllcontainer zu legen, wissend, dass der am darauf folgenden Morgen geleert werden würde.
Das Gericht machte es sich später nicht leicht. Richterspruch: "Der Angeklagte hat es durch seinen unglaublichen Leichtsinn zu vertreten, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist.", zitiert das "Hamburger Abendblatt" am 17.10.2003).
Jörg R. folgte den Anweisungen eines Todgeweihten, der sich die Art seines Sterbens frei gewählt hat. Um die Skrupel seines Helfers zu umgehen, hatte er ihm weisgemacht, alles sei ein Spiel, das man in diesem Hause schon öfter gespielt habe. Man werde ihn suchen und schon bald finden und aus dem Container holen.
Der Plan konnte gelingen, weil Jörg R. allzu naiv auf alles einging. Er ließ sich frei geben und ging zu seiner Freundin, ohne zu prüfen, ob wirklich nach Nils gesucht werden würde. Damit ihn wirklich niemand vermissen würde, hatte Nils vorgebaut. Bei einer Pflegerin hatte er sich abgemeldet: Er fahre mit seinem Zivi Jörg in die Stadt.
Als Jörg R. pünktlich und korrekt am nächsten Morgen wie immer zum Dienst erschien, begrüßte ihn die Heimleiterin mit den Worten: "Auf sie wartet schon die Kripo!" (zit. nach "Der Spiegel", 27 vom 11.06.2001).
Worin bestand die Schuld des gutmütigen Abiturienten, der wie viele andere junge Männer auch, völlig unvorbereitet in eine Pflegesituation gestellt wird, die ihn überfordert hat?
Jörg R. hat seine Sorgfaltspflicht verletzt. Er hätte wissen müssen, dass sein Pflegling ohne Atmungsgerät in der Kälte nicht lange überleben konnte.
In einem ersten Prozess hatte das Hamburger Landgericht den Angeklagten vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen mit einer nachvollziehbaren Begründung: Der naive Zivi sei von dem intellektuell gewandten Behinderten für den eigenen Tötungsplan benutzt worden.
Dem Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft folgend, hatte der Bundesgerichtshof dieses Urteil aufgehoben. Im zweiten Prozess erkannte die Jugendstrafkammer 27 des gleichen Gerichts auf fahrlässige Tötung. Aber auch diesmal behandelte das Gericht den Beschuldigten mit Verständnis, ja Nachsicht: Im "Hamburger Abendblatt" liest es sich so:
Die Voraussetzungen für eine Jugendstrafe (schädliche Neigungen, Schwere der Schuld) lägen nicht vor. Jörg R. sei zudem völlig unvorbereitet in die "Pflegesituation hineingeworfen worden." Da die Tatfolgen den Angeklagten schwer träfen, wäre eine Strafe verfehlt. Jörg R. habe derzeit keine Zukunft, brauche eine Therapie ...
Das "menschliche Drama zweier Außenseiter" beleuchtet Bruno Schrep einfühlsam und recht gründlich im "Spiegel",. 24/2001 S.84 unter der Überschrift "Bitte bring mich in den Müll".
Während dieser Artikel leider nicht frei einsehbar im Internet steht, können die folgenden Berichte von den beiden Gerichtsprozessen angeschaut werden.
Für die Gespräche zwischen Nils und Jörg - die bei Heiko Buhr Jan und Max heißen - gibt es keine Zeugen. Sicher ist nur das Ergebnis. Heiko Buhr, der sich intensiv mit dem Fall befasst hat, fand einen überzeugenden dramaturgischen Rahmen. Aber davon möge sich das geschätzte Publikum selbst überzeugen. Nur ein kurzer Ausschnitt von 55 Sekunden soll einen gewissen Eindruck vermitteln.
| Jan: | Markus Meyer |
| Max: | Patrick Güldenberg |
| Musik: | Tim Frühwirth |
| Regie: | Alexander Schuhmacher |
| Redaktion: | Hilke Veth |
| Produktion: | Norddeutscher Rundfunk, Hamburg 2004 |
| Dauer: | 54'26 |
| Ursendung: | 11.12.2004 21:05 auf NDR-Info |
Eine interessante Reportage von der Hamburger Hörspielproduktion soll noch empfohlen werden: "NDR produzierte das erste Hörspiel des Kieler Autors Heiko Buhr" von Beate Jänicke in "Kieler Nachrichten"
Heiko Buhr wurde 1964 in Neumünster geboren. In Kiel studierte er Sprach- und Literaturwissenschaften sowie Philosophie. Aus dem Thema, mit dem er 1997 ebendort promovierte, entstand das Buch "Sprich, soll denn die Natur der Tugend Eintrag tun?" : Studien zum Freitod im 17. und 18. Jahrhundert", erschienen bei Königshausen und Neumann in Würzburg 1998 (320 S.).
In den Kurzbiographien des Dramatikers werden folgende Berufserfahrungen genannt: als Museumswärter, Tischlereigehilfe, Regalbestücker, Korrekturleser, Druckereiversandmitarbeiter. Seit 1999 ist Heiko Buhr, der in Kiel lebt, in seiner Geburtsstadt Neumünster als Sozialarbeiter im Bereich Jugendhilfe/Ambulante Hilfen tätig. Er betont, dass er die Schicksale der ihm dort Anvertrauten auf keinen Fall zur Blaupause seiner Stücke macht.
Als i.J. 1999 in Berlin erstmals der nach dem ehemaligen AEG- und Deutsche-Bahn-Chef Heinz Dürr benannte Stückepreis verliehen wurde, ging er an Heiko Buhr für sein Stück "Ausstand - ein Schaustück", welches im Jahr 2001 im renommierten Frankfurter Suhrkamp-Verlag erschienen ist.
"Berliner Zeitung"/BerlinOnline: Stückepreis für Buhr, 18.11.1999!
Der privat gestiftete, hoch dotierte Heinz-Dürr-Stückepreis dient der Förderung deutschsprachiger, junger Gegenwartsdramatik. Ein Großteil der beträchtlichen Summe wurde für die Inszenierung und Aufführung des Stückes in den Kammerspielen des Deutschen Theaters aufgewandt. Mehr über den Preis und seine Verleihung findet sich im Internet: BerlinOnline: Geld gut angelegt / Heinz-Dürr-Stückepreis: "Ausstand" von Heiko Buhr... Das Stück wurde noch einmal angeboten auf dem Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen 2000. Dazu noch eine Rezension!
Vor diesem Achtungserfolg in der Theaterwelt war Heiko Buhr mit Gedichten und Prosa einem eher regionalen Publikum bekannt. 2004 kam ein weiteres Stück zur Aufführung, genauer: zur szenischen Lesung: zuletzt am 15.9.04 im "Kunstflecken" Neumünster: "Aufbruch / fünfstimmige Lesung". Gleichfalls als szenische Lesung war in der Kieler Nikolaikirche Buhrs Text "Zivilisten" zu erleben, das sich mit dem Rechtsradikalismus befasst.
Auch "Abfall" existiert in einer Bühnenfassung. Vgl. dazu "Suhrkamp Theaterblatt 2004: premieren.
Am 2. Dezember 2004 um 20:00 Uhr kommt das erste Hörspiel von Heiko Buhr im KulturForum in der Kieler Stadtgalerie zur Voraufführung. Neun Tage und eine Stunde später wird es vom NDR urgesendet.
Nachdem das ca. 55-minütige Radiostück gemeinsam im dabei verdunkelten KulturForum gehört wurde, besteht Gelegenheit, mit dem Autor und der Dramaturgin der NDR-Produktion zu diskutieren. Stoff und Anregung gibt es dafür sicher genug, und das veranstaltende Kulturprojekt "blickfrei - Kommunikation jenseits des Augenscheins" hofft, dass neben eingefleischten Hörspiel und Krimi-Freunden auch Menschen in die Veranstaltung kommen, die persönlich oder beruflich von der Thematik des Stückes betroffen sind.